Die Wiener Fiaker (1781)

Aus Wien-Tourist.info

Der Stadtlehnkutscher sind sehr viele. Wegen des Preises muss man sich mit ihnen vereinigen. Der Lohnkutscher kommt nicht vor halb 10 Uhr, denn fast alle Leute von einigem Stande pflegen in Wien lange zu schlafen; daher wird schon vorausgesetzt, dass man früh keine Besuche macht. Wenn er bis 1 oder 2 gewartet oder gefahren hat, so will er 2 Stunden seine Pferde füttern, und damit verzögert er es gewöhnlich bis halb 5 Uhr. Wenn er nach der Komödie nach 9 Uhr noch warten oder fahren soll, so ist ihm dieses unbequem. Er ist unzufrieden, und kommt vielleicht des folgenden Tages nicht wieder, oder er ist insolent. Immer mag sich ein Fremder doch nicht zanken. Wenn man also früh (z.B. in den Augarten) oder von 2 bis 4, oder des Abends zu fahren hat, so muss man Fiaker oder Miethskutschen von der Strasse nehmen.

Es sind ihrer über fünfhundert, wenigstens habe ich Nummern über 500 gesehen. Sehr wenige sind so schlecht und schmutzig, wie die Fiaker in Paris oder Berlin; die meisten sind sauber lackirt, inwendig mit Seidenzeug oder Plüsch ausgeschlagen, kurz, so gut wie die Lehnkutschen. Indessen bedient man sich doch der Fiaker nur im Nothfalle, der freilich in einer so weitläufigen Stadt wie Wien alle Augenblicke eintritt. Es wird dort für unhöflich gehalten, besonders Personen von höherem Stande in einem Fiaker mit einer Nummer zu besuchen. Wenn man in einem Fiaker nach dem Augarten fährt, muss man am äussern Thor aussteigen, und darf nicht in den Vorhof fahren. Die Fiaker haben keine Taxe, so höchst nötig diess auch wäre. Selten und nur bey gutem Wetter fahren sie unter 1 Siebzehner (17 Xr) und wenn es einige Strassen weit weg ist, so fordern sie doppelt so viel. Wenn es regnet, oder kein andrer Fiaker in der Nähe ist, fordern sie von einem Fremden, was sie wollen. Der Fremde muss sich gefallen lassen, was sie mit ihm machen wollen. Zu den Zeiten der ärgerlichen Keuschheitskommission wurden die Fiaker oft zu Spionen gebraucht, und wie mehrere Spione dienten sie zuweilen beiden Theilen.

Ich hatte einen Fiaker bedungen, mich eines Sonntags Nachmittags (da es meinem gewöhnlichen Lehnkutscher eingefallen war, Nachmittags nicht wieder zu kommen) auf 4 Stunden zu fahren und zu warten, ohne dass ich einen Ort eigentlich benannte. Als ich nachher etwas entfernt in die Vorstadt fahren wollte, weigerte er sich schlechterdings, ohne weitere Ursache anzugeben, als dass es zu weit wäre. Der Herr Regierungsrath von Tiell hat diese Leute zuerst, zum Theil mit sehr empfindlichen Mitteln in einige Ordnung gebracht. Diess ist der einzige Name, vor dem sie zittern. Wenn man drohet, sie bey ihm zu verklagen, geben sie zuweilen beiden Theilen.


(Friedrich Nicolai, Reise durch Deutschland, 1782, Neuausgabe 1921)



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