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Der Klagbaum |
Aus Wien-Tourist.info
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An der Stelle, wo heute die prächtige Ringstrasse hinzieht und sich die die innnere Stadt umgebenden Bezirke ausbreiten, befanden sich noch vor sechshundert Jahren bloss Felder, Weingärten und Waldungen. Einzelne Gehöfte und Jagdschlösser lagen zerstreut in denselben. Zu jener Zeit hatte die Stadt Wien lebhaften Verkehr mit dem Morgenland; leider wurde von dort nebst vielem anderen Guten und Schlechten auch eine ansteckende Krankheit, Aussatz genannt, eingeschleppt, welche hier schrecklich an Ausdehnung gewann. Trotz der vielen Stuben (Bäder), welche Wien damals hatte, und trotz der umfassenden Vorsichtsmassregeln war diese böse, den Menschen im höchsten Grade entstellende Krankheit nicht zu bannen. Da stiftete (1267) zur Versorgung solcher mit dieser Krankheit behafteten Unglücklichen der Pfarrer von St. Stephan, Meister Gerhard, ausser der Stadt auf der heutigen Wieden ein Siechenhaus und eine Kapelle. Vor dem Kirchlein stand ein schöner, grosser Lindenbaum, von dem aber unerklärlicherweise manchmal zur Nachtzeit eine wehklagende Gesangsweise ertönte. Die Gegend kam dadurch so in Verruf, dass niemand des Nachts dort vorbeizugehen wagte. Einige Zeit hindurch blieb die Wehklage aus, um sich später mit erneuerter Kraft zu wiederholen. Da begaben sich eines Tages einige Bewohner der Umgegend, mit dem Richter an der Spitze, zu dem Seelsorger des Spitales mit der Bitte, die Wehklag, welche ihnen so grosse Furcht und Kümmernis bereite, durch fromme Gebete und Beschwörungen zu bannen. Als der würdige Mann ihr sonderbares Verlangen vernommen hatte, versprach er ihnen, gegen Abend zu dem Lindenbaume zu kommen und zu sehen, welche Bewandtnis es mit dieser "Klag am Baum" habe. Als die Sonne hinter den Bergen verschwunden war und sich die Nacht über die weiten Gefilde senkte, erschien er auch bei dem Richter. Nicht lange währte es, als der Wächter mit der Meldung herbeistürzte, der Baum lasse wieder seine Klage ertönen, welche weit durch die Nacht hörbar sei, so dass alle Leute sich zitternd in ihre Häuser flüchteten. Der Priester erhob sich nun und ging, das Kruzifix und den Weihwedel in den Händen, mit dem Richter und den Geschwornen zu der verrufenen Stätte. Dunkel war es und unheimlich und pochenden Herzens, von Entsetzen durchfröstelt, zog die kleine Schar zu dem Kirchlein, an welchem der Klagbaum stand. Richtig! Die wimmernden Töne erklangen und es war kein Zweifel, irgendein Verwünschter hielt hier seine Wehklag. Der Priester ging nun allein dem Spuk entgegen. Je näher er zu dem Kirchlein kam, desto deutlicher schlug der Klagton an sein Ohr; dieser klang so erhebend, dass ihm ängstlich zumute wurde und er wider Willen innehielt, um Kraft und Mut zu sammeln. Da schien es ihm bei einem hervorbrechenden Mondstrahl, als wanke eine unerkennbare Gestalt im Schatten der Linde hin und alsogleich erhob er das Bild des Gekreuzigten, sprengte von dem geweihten Wasser vor sich hin und rief seine Beschwörung (das Exorcitium). Da ward es plötzlich stille ringsumher, die dunkle Gestalt tauchte neben dem Priester empor; sie schien ihn zu fassen und verschwand mit ihm hinter der Kapelle. Die Zurückgebliebenen harrten einige Zeit in banger Erwartung der Rückkehr des Priesters und als diese nicht erfolgte, gingen sie mit der entsetzlichen Überzeugung heim, das Gespenst habe den Seelsorger mit sich genommen. Am folgenden Morgen erschien der Geistliche heiter und vergnügt in ihrer Mitte und erzählte, das vermeintliche Gespenst sei ein wackerer Ritter und Sängersmann gewesen, dessen Namen er nicht nennen dürfe und das Wehlied am Lindenbaum habe Klagen über das in Wien herrschende Gebreste (Krankheit) enthalten. Der Sänger habe diesen Ort seiner Einsamkeit wegen als besonders passend gefunden, ohne zu denken, man würde einen Geisterspuk dahinter vermuten. Dieser Sänger soll Ottokar von Horneck (ein Dichter) gewesen sein, der damals als Aufseher des Gotteshauses bestellt war und einen nahen Hof bewohnte. Zur Nachtzeit verweilte er gern unter der Linde, um seinem Schmerz über die Leiden seines Vaterlandes in leisen Klagetönen Ausdruck zu geben. Die abergläubischeMenge aber hielt die Aufklärung des Pfarrers für eine Verabredung mit dem vermeintlichen Gespenst und verblieb in ihrem Wahn, so dass dieses Spital von nun an "zum Klagbaum" genannt wurde, welcher Name bis zu dessen Auflassung verblieb. Heute erinnert uns die Klagbaumgasse an diese Tage. Das Haus in derselben mit der Nummer 3 wird als Wohnhaus Ottokars von Horneck bezeichnet. AnmerkungWien zählte zu jener Zeit mehr Bäder (Stuben) als vielleicht die übrigen grossen Städte Deutschlands zusammen. Ein eigenes Viertel der Stadt und ebenso ein Tor führte von den Bädern die Namen: Stubenviertel und Stubentor; die Abteien hatten eigene Bäder in ihren Höfen, vornehme Familien eigene Badstuben in ihren Häusern. Die öffentlichen Bäder waren aber meistens Schwitzbäder. Mit der neuen Einteilung der Stadt in Bezirke schwand die Gruppierung in Viertel, statt der Namen: "Wiener-, Stuben-, Kärntner- und Schottenviertel" kam die Bezeichnung I. Bezirk in Gebrauch. Nur die heutige Stubenbastei hält noch durch ihren Namen die Erinnerung an die vielen Badestuben aufrecht. Das Siechenhaus zum "Klagbaum" hatte keinen eigenen Priester und zur obersten Aufsicht einen Vogt aus dem Rate der Stadt. Der Meister und die Meisterin des Spitales waren gleich den Siechen klösterlich gekleidet, sie trugen ein blautuchenes Gewand und auf ihrem Mantel ein rotes Kreuz in einem roten Ring. Die armen Aussätzigen mussten für ihre karge Pfründe bei Tag und Nacht abwechselnd die Litanei und Gebete für die Wohltäter des Hauses absingen. Am 10. Oktober 1785 wurde das Siechenhaus zum "Klagbaum" auf Befehl Kaiser Josefs II. aufgehoben. Der "Klagbaum" war ein düsteres ebenerdiges Gebäude von verwittertem Aussehen; nur zwei kleine fensterähnliche Öffnungen lugten nach aussen. Die Kirche hatte einen niederen viereckigen Turm und an ihrer Front nach der Wiedner Hauptstrasse vier runde, dicht unter dem Sims liegende Fenster. Am 11. Jänner 1787 erfolgte die öffentliche Versteigerung des Siechenhauses sowie des dazu gehörigen grossen Gartens zum Behufe seiner Abteilung zu Baustellen (die heutige Klagbaumgasse, dann Nr. 62 und 68 in der Wiedner Hauptstrasse). |
