Der Hungerbrunnen

Aus Wien-Tourist.info

Wenn auch unter den ältesten Sagen in erster Reihe die von den heiligen Bäumen stehen, so spielen doch die geweihten und wunderbaren Brunnen in der Geschichte fast aller Städte und so auch Wiens eine herausragende Rolle. Zur Geschichte der Brunnen, Quellen, Flüsse und Bäche, ihres Ursprungs und Verlaufes, der Heilkraft ihrer Wässer etc. lieferten die alten Schriftsteller ganz abenteuerliche Nachrichten.

In nachstehenden Zeilen handelt es sich einzig und allein um eine jener Brunnen-Sagen, deren Nachklänge an gar vielen Punkten Deutschlands und der Schweiz noch zur Stunde in der Erinnerung des Volkes fortleben, nämlich die Sagen von den Hungerbrunnen.

Einen solchen Brunnen zählte einst auch die Stadt Wien unter ihre Wahrzeichen. Derselbe gab der ehemaligen Wiener Vorstadt "Hungerbrunn" (Hungelbrunn) den Namen; doch verschwand diese Benennung wieder nach erfolgter Einteilung Wiens in Bezirke und nur eine Strasse des IV. Bezirkes, die ehemalige Hungelbrunngasse, die jetzige Schönburgstrasse, erhielt das Andenken des Hungerbrunnens lebendig.

Das Jahr 1271 war für Wien sehr unheilvoll, nicht nur, dass eine Feuersbrunst die Stadt grossteils in Asche legte, sie wurde auchz so wie das ganze österreichische Land durch unerhörte Hitze und Trockenheit dergestalt heimgesucht, dass man die Feldfrucht nicht mit der Sense schneiden konnte, sondern mit den Händen sammeln musste.

Auch dadurch, dass der böhmische König Ottokar, welcher damals auch Herrscher über die österreichischen Lande war, schwere Kriege mit dem ungarischen König Bela IV. führte, hatte Österreich unter Kriegsnöten zu leiden.

Da ereignete sich, dass ein Brunnen in der Nähe des Siechenhauses "zum Klagbaum" in der nachmaligen Vorstadt Hungelbrunn plötzlich ungemein viel Wasser gab. Seit unvordenklichen Zeiten war dieser Brunnen versiegt und es ging die Sage, dass Dürre und Misswuchs eintrete, wenn er wieder Wasser gäbe. Die Wiener entsetzten sich über das Unglück verheissende Ereignis und sahen mit schwerem Bangen in die Zukunft.

Kaum war der Frühling des Jahres 1271 dahin, so hörte jeglicher Regen auf; glühend fielen die Sonnenstrahlen auf die Erde nieder, alles versengend, verbrennend, kahl standen die Bäume, leer die Felder. Alle Brunnen und Quellen waren versiegt, die Bäche ausgetrocknet und nur der alte Yster (die Donau) wälzte seine Fluten durch das sandige Bett. Der Strom war in dieser schrecklichen Zeit geradezu ein Segen des Himmels für die Wiener, der sie vor dem Verschmachten schützte.

Endlich ging auch diese schwere Zeit vorüber; aus den Wolken kam der Segen, strömte der Regen, wieder plätscherten die Quellen, murmelten die Bäche und strömten stolz die Flüsse dahin; aber der Hungerbrunnen am Siechenhaus des Klagbaumes war vertrocknet und die Leute, die so gerne an Sagen glauben, wünschten sich wohl, dass er es für alle Zeiten bleibe.



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