Das rote Mandl

Aus Wien-Tourist.info

Der weltberühmte Doktor Faust, der unerreichte Meister der Zauberkünste, hielt sich oft in Wien auf. Er zechte gern im Kreise seiner Bewunderer und gab da manches von seinen vielbegehrten Zauberstücklein zum besten.

So erschien er einmal in der Kellerschenke "Am Bühel" in der Nähe der Freyung. Die Gäste erkannten ihn sogleich, begrüssten ihn mit Jubel und baten ihn voll Ungeduld um ein paar Kunststücke.

Er setzte sich aber ganz gelassen nieder und bestellte ein Glas vom besten Wein. Der Schankbursche brachte es ihm. Das Glas war aber so voll, dass er ein bisschen Wein über den Tisch goss.

Da sagte der Doktor grimmig: "Wenn du mir noch einmal Wein verschüttest, so fresse ich dich mit Haut und Haar!" - Den Burschen ärgerte diese Zurechtweisung, und als er das leere Glas zum zweitenmal gefüllt hatte, verschüttete er vorsätzlich etwas vom Inhalt.

Da sperrte der Doktor den Mund weit auf - und der Bursche war augenblicklich verschwunden. Darauf nahm der Schwarzkünstler noch eine grosse Flasche mit Wasser und goss den ganzen Inhalt in einem einzigen Zuge nach.

Die Gäste waren sprachlos vor Entsetzen und Verwunderung. Der Wirt aber fing an zu jammern und rief: "Herr Doktor, wie soll ich denn heute die grosse Arbeit leisten ohne meinen Gehilfen? Gebt ihn mir wieder, ich bitte Euch inständig darum!"

"Spart eure Worte," sagte der Hexenmeister mit gleichgültiger Mine, "er sitzt doch draussen auf der Stiege." Als der Wirt hinausschaute, sass wirklich der Kellerbursche auf der Stiege, klapperte vor Kälte mit den Zähnen und war tropfnass.

Er kam gleich danach ins Schankzimmer, ging zornig zum Tische des Doktors hin und rief: "Mit euch will ich in meinem ganzen Leben nichts mehr zu tun haben! Ihr seid mit dem Teufel im Spiel!"

Kaum war das Wort gesprochen, so entstand im ganzen Saal eine lärmende Unterhaltung und es wurde von nichts anderem mehr geredet als von dem Höllenfürsten und von seiner grossen Macht über die Menschen und die Geister.

Da stand mitten im ärgsten Lärm einer der Gäste auf, ein Meister der edlen Malerkunst, der erst kurz vorher aus dem Auslande gekommen war, und rief mit lauter Stimme, dass er den Teufel an die Wand malen werde. Die Leute horchten neugierig auf und es wurde mäuschenstill im Saale.

Der Maler machte sich sogleich ans Werk und es dauerte nicht lange, so sah man wirklich an der Wand das Bild eines Junkers in der Tracht eines Edelmannes mit einer Hahnenfeder am Hut, mit einem Spitzbart, einem Degen und einem wallenden Mantel.

Die Gäste starrten alle mit verhaltenem Atem auf das Konterfei des Satans hin, das geradeso aussah, wie sie sich den Höllenfürsten längst schon vorgestellt hatten.

Plötzlich wurde es im Saale finster; das Bild bekam Leben und fing an, sich zu rühren und zu bewegen. Die Kleider des Satans waren jetzt blutrot, die Feder am Hut, die immer hin und her schwankte, war gleichfalls rot, die Quasten und Verbrämungen waren kohlschwarz und das Mäntelchen spielte ins Grünliche.

Die Leute getrauten sich nicht einmal, Atem zu schöpfen, sie starrten nur in einem fort auf die schauderhafte Erscheinung mit dem wachsbleichen Gesicht und den schrecklichen Augen, aus denen fortwährend ein unheimliches Feuer flammte.

Plötzlich erhob sich das Satansbild und stürzte sich mit einem furchtbaren Getöse mitten in die Menge hinein. Da schrien die Leute voll Schrecken laut auf und rannten wie verrückt dem Ausgange zu.

Dem Doktor machte der Höllenspektakel einen riesigen Spass und zu guter Letzt rief er noch den Leuten mit wahrer Donnerstimme die Worte nach: "Man soll den Teufel nicht an die Wand malen!" Es war aber niemand anderer gewesen als er selber, der mit seinen Zauberkünsten das Bild des Höllenfürsten lebendig gemacht hatte.

Wegen dieses Vorfalles bekam hernach die Schenke den Beinamen "Zum roten Mandl".



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