Bau- und Strassenpolizei (1794)

Aus Wien-Tourist.info

Ich bin wieder glücklich z´Wien ankommen; aber ich erkenn mich fast nimmer. D´Gassen, d´Häuser und d´Menschen haben ein anders G´sicht. Wo ich hinschau, steht ein neues Haus da. Sie müssen d´Häuser nur z´samm leimen, sonst könnten s´ unmöglich so gschwind damit fertig seyn. Ein halb Dutzend davon ghören oft einem einzigen Herrn zu. Kein Mensch weiss, woher d´Leut ´s Geld zum Baun nehmen.

Aus der Herrngassen habn s´ jetzt ein einzigs Haus gmacht, und die Michelikirchen haben s´ so schön verpapt, dass der Herr Vetter schwören that, s´ist ein nagelneue Kirchn.

Bey St. Stephan habn s´ d´alten Häusel niedergrissen, damit d´Leut d´schwarze Kirchn besser sehn können. Seit der Zeit lassen sich d´Hausherrn in der Nachbarschaft fürs Anschaun ein grössern Zins zahlen. Es heisst, der Stephansthurm und d´Kirchen solln weiss angstrichen werden, und da werden s´ d´Inwohner wohl noch höher stagern.

Aber nichts ist spassiger anz´sehn, als d´Vorstädt. Da wachst eine neue Gassn nach der andern aus der Erden heraus. Bey der Hernalserlini habn s´ noch ein Stuck Feld ghabt, wo der Wind hat herein können. Das wird jetzt auch verbaut; und überall legn s´Fabriken an, damit´s Holz ein Bissl theurer wird. Ich hab mir sagn lassen, dass s´ nach und nach alle Dörfer zu der Wienstadt nehmen werden; o das Ding wird schön seyn, wenn die halbe Monarchei in der Hauptstadt beysamm steckt.

Das neue breite Pflaster ist fast schön in der ganzen Stadt eing´führt. Der Herr Vetter geht drauf weg, wie auf seinem Dreschboden. Sogar die Pferd habn ein Freud dran und wollen gar nimmer in der Mitten auf´m schlechten Pflaster gehen. Aber d´Weg in Vorstädten sind noch immer voll Löcher und Gruben. D´Kothhaufen in Vorstädten lassen s´ nur acht Tag auf der Strassen liegn; dann führn sie s´ weg und dafür müssen d´Vorstädtler ein Zinskreuzer zahlen.

Aufg´spritzt wird jetzt auch nicht mehr, ausgenommen auf dem Fleck wo ein Schildwacht steht; denn d´Soldaten kriegt man nicht so leicht, als d´übrigen Underthanen.


(Richter, Eipeldauerbriefe, 1794)



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