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Alle Neun |
Aus Wien-Tourist.info
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Zu St. Stephan im Dom sieht man neben der Wohnung des Turmwächters ein kleines Zimmer, in dem war vor langen Jahren eine Kegelbahn und da ging es oft lebhaft her. Hier kamen an Sonntagen immer mehrere Leute zum Kegelspiel zusammen, meistens junge Burschen aus der Umgebung. Weil aber der Raum eng und niedrig war, so wendeten sich die Spieler mit dem Rücken gegen die Bahn statt mit dem Gesicht, senkten den Kopf hinab und liessen so die Kugel durch die quergestellten Beine hindurch über das Brett hinausrollen. Da hatten sie nun einmal zu St. Stephan einen Türmer, einen argen Trunkenbold, der das Kegelspiel mit einer wahren Leidenschaft betrieb und darüber gar oft auf seine Pflicht vergass. Dabei hatte er aber ein ganz besonderes Glück. Er traf nämlich bei jedem Wurf immer alle neun Kegel und deshalb fand sich bald niemand mehr, der mit ihm ein Spiel wagen wollte. So spielte er wieder einmal in später Nachtstunde für sich allein auf der Kegelbahn und trank dabei tüchtig, dass es ihm im Kopfe ganz heiss wurde; auf seinen Beinen aber stand er gar nicht mehr recht sicher. Da schlug es auf dem Turme die Mitternachtsstunde und plötzlich stand eine hohe, graue Gestalt neben ihm und sprach mit hohler Stimme ein paar Worte, die ungefähr wie eine Mahnung oder wie eine Drohung klangen. Der Türmer war sonst gerade kein Hasenfuss und fürchtete sich vor gar nichts. Aber als er die greuliche Erscheinung sah, bekam er augenblicklich eine solche Angst, dass die Kugel zum erstenmal danebenging. Aber er fasste sich schnell wieder und bezwang seinen Schrecken. Dann lachte er laut auf und rief: "Was predigst du mir da, du grauer Wicht? Komm lieber her zum Spiel und zeig´einmal, ob du auch alle neun triffst so wie ich!" Bei diesen Worten hatte er alle Kegel wieder aufgestellt bis auf einen, den warf er heimlich zum Fenster hinaus. Kaum war das geschehen, so reckte sich der Graue in die Höhe, liess den Mantel fallen, dass sein schlohweisses Gebein sichtbar wurde, und schrie mit furchtbarer Stimme: "Neun muss ich treffen oder acht - und einen!" Der Türmer stand bleich und zitternd an der Wand und jetzt liess der Graue mit seiner knöchernen Hand eine Kugel hinausrollen, dass alle acht Kegel gleichzeitig zu Boden klapperten. In demselben Augenblick fiel aber auch der Türmer mit lautem Gepolter tot auf den Boden hin. Noch lange danach packte jeden, der das Schicksal des Türmers kannte, ein Grauen, sobald er diesen Ort betrat. Noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zeigte man den Besuchern des Stephansturmes das kleine Zimmer mit der früheren Kegelbahn. |
